Die Nachfrage übersteigt das Angebot: Unternehmen stellen seit der Pandemie weiterhin vermehrt Freiberufler ein

Stephan Bart Robert Walters

Viele Unternehmen stoppten zu Beginn der Pandemie ihr Recruitment. Doch der Interim-Markt erholte sich 2021 schnell wieder und entwickelte sich sogar stark weiter. Eine Vielzahl von Unternehmen zögerten nämlich weiterhin, Personal fest einzustellen.

Stephan Bart, Manager bei Robert Walters, verrät seine Insights für den Interim-Markt im Hinblick auf das kommende Jahr.

Welche wichtigen Trends siehst du für den Interim-Markt 2021/22?

„Der größte Trend liegt tatsächlich in der Verlagerung von Angebot und Nachfrage. Vor der Pandemie gab es ausreichend Interim Manager, die für einzelne Projekte verfügbar waren. Doch nun bekommen wir deutlich weniger bis kaum Bewerbungen von Freiberuflern auf ausgeschriebene Projekte. Der Einsatz von Interim Managern hat also drastisch zugenommen. Dies dürfte z. B. daran liegen, dass viele Unternehmen wichtige Positionen in Festanstellung nicht besetzen können, da Arbeitnehmer zögern, ihren sicheren Arbeitsplatz für eine neue Stelle aufzugeben, oder Unternehmen oftmals nicht in der Lage sind, wirklich wettbewerbsfähige Gehälter zu zahlen. Dadurch greifen Arbeitgeber verstärkt auf Interimslösungen zurück. Selbst solche Unternehmen, die davor noch keine Berührungspunkte mit Freiberuflern hatten, beauftragen uns nun Freiberufler für die Überbrückungszeit zu finden. Andere Unternehmen wiederum möchten wegen der prekären wirtschaftlichen Lage weiterhin flexibel bleiben und versuchen, fehlende Manpower zunächst mit Interimsfachkräften auszugleichen.

Eine weitere größere Veränderung sehen wir in der gestiegenen Flexibilität und der Homeoffice-Option. Freiberufler profitierten bereits 2021 davon, dass sie vermehrt aus der Ferne arbeiten und Projekte völlig ortsunabhängig annehmen konnten. Infolgedessen konnten auch Arbeitgeber aus einem größeren Interimsnetzwerk ihre Mitarbeiter auswählen und gleichzeitig Reisekosten einsparen. Dieser Trend dürfte sich 2022 fortsetzen. Aufgrund des mittlerweile knapperen Angebots an Freiberuflern verschärft sich aber der Wettbewerb um die besten Interimsfachkräfte zusehends.”

Für welche Art von Projekten werden Freiberufler überwiegend eingesetzt und welche Qualifikationen sind dabei am meisten gefragt? 

„Eine aktuelle Studie zeigt, dass Interim Manager überwiegend für Vertretungen (49 %*), z. B. bei Elternzeit, organisatorischen Umstrukturierungen (13 %*) oder für Projekte im Bereich Digitalisierung und Automatisierung (11 %*), eingestellt werden. Dabei verstärkt sich die Nachfrage insbesondere nach leitenden Finance-Fachkräften mit ausgeprägten IT-Kenntnissen, die Umstrukturierungen managen und die Digitalisierung vorantreiben sollen.

Im HR-Bereich sind zum einem Interim Recruiter gefragt, da mehr Ressourcen nötig sind, um Fachkräfte für eine Festanstellung zu finden. Zum anderen werden vermehrt Interim Personalleiter im Bereich Compensation & Benefits für Gehalts- und Vertragsanpassungen gesucht, u. a. wegen des verstärkten Remote-Einsatzes.

Auch digitale Marketingexperten sind immer noch sehr begehrt, um die Customer Journey anzupassen. Digitale Expertise, internationale Erfahrung und ausgeprägte Kommunikationsfähigkeiten sind nach wie vor die wichtigsten Anforderungen in allen Bereichen.”

Wie wirken sich diese Entwicklungen auf die Stunden- bzw. Tagessätze aus?

„Aufgrund der deutlich stärkeren Nachfrage nach Freiberuflern, die jedoch nicht gedeckt werden kann, sind die Stunden- und Tagessätze in so gut wie allen Branchen und für alle Funktionen gestiegen. Bei den meistgefragten Projekteinsätzen haben wir einen Anstieg zwischen 10 und 20 % festgestellt. Anders als bei Bewerbern für Festanstellungen, wo eher die Work-Life-Balance, ein interessantes Tätigkeitsgebiet und weitere Benefits ausschlaggebend sind, sind bei Interimsfachkräften die Höhe des Stunden- bzw. Tagessatzes sowie die Projektlaufzeit die entscheidenden Kriterien bei der Entscheidung für oder gegen einen Projekteinsatz.”

Erfahren Sie mehr über Interim-Trends und aktuelle Interimstagessätze in unserer “Europäischen Interim-Studie”.

Alle Positionen sind als (m/w/d) zu verstehen.

Veröffentlicht am 09. Dezember 2021.

*Quelle: Robert Walters Europäische Interim-Studie 2022

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